ERÖFFNUNG DER AUSSTELLUNG
KATRIN FREUDENBERGER
HOTEL OTTERBACH BIETIGHEIM-BISSINGEN
AM 20. APRIL 2003

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In Katrin Freudenberger lernen wir eine Malerin kennen, die sich nicht ohne weiteres in irgendeine Kategorie einpassen lässt, oder anders ausgedrückt, deren Werke einfach ein Ismus übergestülpt werden könnte. Die Künstlerin wehrt sich gegen derlei formale Einengungen. In ihren Bildern zeigt sie innere Wirklichkeiten, die sie bewegen und die sich in ihr neu formulieren.
Die Entstehung ihrer Bilder ist deshalb auch nicht von einer detaillierten Vorplanung abhängig, sondern sie erfolgt in einem spontan ablaufenden Schöpfungsprozess, allerdings geht eine ungefähre Skizzierung voraus.
Inspirationen zu ihren Werken empfängt Katrin Freudenberger zum einen aus der Natur, wie etwa an den Motiven Granatäpfel, Tulpen oder auch an Früchten und Blumen ganz allgemein zu erkennen ist, zum anderen aus der Landschaft. Die Frage, ob diese abstrakt seien, kann nur mit einem klaren “NJein” beantwortet werden. Oberflächliche Betrachtungsweise mag zur Erkenntnis führen, die Arbeiten seien tatsächlich abstrakt. Genauer umschrieben, kann gesagt werden, die seit 1975 in Bietigheim-Bissingen lebende Künstlerin malt in einer spezifischen Weise abstrakt mit deutlichem Bezug auf konkrete Formen, die sie der Natur entlehnte. Innerhalb der mit immensem malerischem Temperament geschaffenen Bilder lassen sich immer wieder “Zitate” aus einer realen Formenwelt wahrnehmen, die die Malerin jedoch auf außerordentlich subtile Weise auflöste
und veränderte. Solche erkennbaren Konturen und Formen erschlieen sich dem Auge des Betrachters, je mehr er in die Tiefe dieser vitalen Werke eintaucht, denn nun offenbart sich eine fantastische Innenwelt, in der dynamische Kräfte wirken, die machtvolle Spannungen entstehen lassen.
Ein Wort zu den Farben, wie sie Katrin Freudenberger einsetzt. Damit komme ich zugleich auch auf die vorangestellte Frage, ob ihre Werke abstrakt seien, zurück. Nicht weit von hier, in Freiberg am Neckar, lebte Artur Lutz de Brè, ein Maler und Philosoph, den ich stets hoch verehrte und der dem einen oder anderen von Ihnen sicherlich bekannt war. Der Künstler schrieb einmal in einem Aufsatz: “Farbe ist so konkret, wie etwas nur konkret sein kann”, und er fügte hinzu: “Farben sind Geheimnisse. Farb-Theorien sind zwar hilfreich, aber man kann das Geistige in der Farbe, das Unberechenbare, die Farbkräfte des höheren Lebens schwer mit der Ratio allein in den Griff bekommen.”
Katrin Freudenberger bevorzugt stets glutvoll leuchtende Farben, doch fand sie anfangs keinen richtigen Zugang zu Rot. Das änderte sich erst vor wenigen Monaten, dann allerdings, wie sie mir sagte, schlagartig. Das Ergebnis war eine Serie von Arbeiten, die sie als “Feurige Bilder” bezeichnete und in denen Rot in wunderbarster, ja in faszinierender Nuancenvielfalt von opulent dicht und strahlend bis fast schon flüchtig und in Auflösung befindlich wahrnehmbar wird. Ganz generell kann gesagt werden: für Katrin Freudenberger ist Farbe ein Mittel zur Darstellung gemalter Poesie, mit der sie Räume zu erhellen vermag, denn sie holt alle Leuchtkraft aus diesen heraus, gibt ihnen eine lodernde Bewegtheit, was aber auch den Eindruck von heftiger Malerei fördert. Helligkeit und Lichtfülle sind es auch, die den Bildern ihre Heiterkeit und ihre Zuversicht geben, eben das, was man bei einem Menschen “eine strahlende oder eine blendende Erscheinung nennt.”
Die Bilder von Katrin Freudenberger belegen nicht zuletzt auch die Fähigkeit der Malerin, die Fläche mit großer Virtuosität zu beherrschen. So entstanden Bildkompositionen expressiven Charakters, die in ihrer Dichte und Ausdrucksfülle faszinieren.
Sie lassen Spontaneität und Emotionalität beim Malen ebenso erkennen, wie in sich gekehrte Besinnung oder bildhafte Gestaltung tiefer, inniger Gefühlswelten. Als dynamische Gegenkraft wirken in den Exponaten häufig spannungsreiche Schwünge, die die Künstlerin mit energisch geführtem Pinsel in das Werk einfügte. Auffällig ist zudem, wie Katrin Freudenberger die Dinge in einen schwerelosen Schwebezustand in ihren Arbeiten versetzt, indem sie Fl‰ähen des Malgrundes im ursprünglichen Weiß belässt.
Vor allem bemerkenswert ist ihr Mut zur Farbe, besser gesagt, zur Mischung von Farben. Wir sehen hier einige Werke, in denen die Malerin ungewohnte, eigenwillige, originelle Farbtöne zur Geltung kommen lässt, die aus Freude am Experiment, aus
eigenen inneren Impulsen entstanden sind. Das hebt die Bilder von Katrin Freudenberger heraus aus jedweder Form der Beliebigkeit. Stattdessen sind sie überzeugende Beispiele für einen unkonventionellen, aus den Emotionen und Visionen der Künstlerin geborenen Malstil. Dies trifft darüber hinaus auch auf die zuweilen ungewöhnlichen Formate einzelner Werke zu.
Dazu meinte die K¸nstlerin, auf diese Weise könne sie in ihren Bildern die Weite, die Ruhe und Erhabenheit, den spezifischen Charakter der Landschaft darstellen und dem Betrachter vermitteln. Eines der Toskana-Bilder ist dafür ein aussagekräftiger Beleg.
Eine seit langen Zeiten gültige Malerweisheit sagt, nur der könne richtig gut abstrakt malen, der zuvor sehr gut konkret malte. Die Bietigheimer Künstlerin schöpfte in den ersten Jahren Bilder, die sehr viel figurativer und gegenständlicher waren. Dafür gibt es in dieser Ausstellung Beispiele. Mit besonderer Aufmerksamkeit wandte sie sich dabei Menschen in fremden Regionen zu, hier wieder vornehmlich alten Menschen oder irgendwie bodenständigen, urigen Originalen. Doch vor etwa drei Jahren vollzog sie eine plötzliche Stiländerung und seither bewegt sie sich auf einer ungemein aufregenden Gratwanderung zwischen noch konkret und schon abstrakt.
Diese Ausstellung zeigt im übrigen auch die Bedeutung der Grafik im Gesamtwerk der Bietigheimer Künstlerin. Das hat seinen Ursprung in der Tatsache, dass sie das Fach Grafik-Design studierte, bei mehreren Werbeagenturen als Grafikerin tätig war und seit langem eine eigene Werbeagentur hat. Auch die gelegentliche Einfügung von Schrift in einzelnen Bildern ist für Katrin Freudenberger eine Möglichkeit, Gedanken und Empfindungen sichtbar zu machen. In enger Verbindung mit der Malerei ließ die Künstlerin aus den beiden Elementen Malerei und Grafik eine einzigartige Synthese wachsen.
Zum Schluss meiner Ausführungen sei ein Gedanke angemerkt, den ich kürzlich las und der auch für das künstlerische Schaffen von Katrin Freudenberger gilt: “Ein Bild entsteht nicht allein inspiriert durch e i n Ereignis oder e i n bestimmtes Motiv, sondern es zeigt die Auseinandersetzung des Künstlers mit einem Thema, seine ganz persönliche Stellungnahme mit von ihm gewählten Mitteln und ist Ausdruck seines Bedürfnisses, hinter die Dinge zu blicken”.

Rudolf Wesner