Rote Bilder

Über die Arbeiten von Katrin Freudenberger von Dr. Eberhard Kulf

Katrin Freudenberger bezieht gern Textelemente in schwungvoller Schrift in ihre Bilder ein. Ein großformatiges Bild enthält ein ganzes Gedicht, ein Gedicht von niemand anderem als Joseph Beuys. Darin finden sich fröhliche Empfehlungen für ein Leben, zu dem auch Unsinn und Verrücktheiten gehören. Man liest da u.a.: „Freue dich auf Träume: - Schaukel so hoch du kannst mit einer Schaukel bei Mondlicht. – Stell dir vor, du wärest verzaubert. - Kicher mit Kindern. – Höre alten Leuten zu. – Unterhalte das Kind in Dir. – Umarme Bäume.“ Wenn eine Malerin ein solches Gedicht zu einem Bild macht, dann darf man das sicher als Zustimmung, vielleicht sogar als Bekenntnis werten: zu einem Leben von kindlicher Neugier und Offenheit und Spiellust, zu einem Leben, in dem Spontaneität, Phantasie und Träume nicht vom Alltag verbraucht werden, sondern im Gegenteil ihnen Entfaltungsmöglichkeiten gegeben werden.
Das – meine ich – findet man in Bildern von Katrin Freudenberger wieder. Aber Spiellust führt bei ihr nicht zu wilder Experimentierfreude, sie fällt keiner ungezügelten Experimentierwut zum Opfer oder lebt ihren Erfindungsreichtum ungehemmt aus. Vielmehr beweisen ihre Bilder disziplinierte Gestaltungskraft und kalkulierten Umgang mit der Farbe.
Grundlage für solche künstlerische Arbeit ist eine strenge Schule: das Studium von Graphikdesign. - Bei Graphikdesign denkt man heute selbstverständlich an Arbeit am Computer, mit dem jetzt der größte Teil der Gebrauchsgraphik hergestellt wird. Das wäre wohl keine so gute Vorbereitung auf Malerei, wie wir sie in diesem Katalog sehen. Das Studium von Katrin Freudenberger war dank ihrem wichtigsten Lehrer Robert Förch keine stromlinienförmige Ausbildung für Gebrauchsdesign, sondern eine wirklich künstlerische Grundausbildung in den wichtigen Maltechniken und in klassischen akademischen Fächern wie Aktzeichen, freies Zeichnen (natürlich auch Typographie). Solides Handwerk ist also die Grundlage – und das merkt man an allen Bildern ganz deutlich. - Dass sie das Malhandwerk beherrscht, wird auch damit bestätigt, dass sie als Buchillustratorin in mehreren Verlagen Anerkennung gefunden hat.
Es ist lohnend, in diesem Zusammenhang in die Skizzen-bücher hineinzuschauen. Dann erkennt man nämlich, dass bei aller Spontaneität, die immer wieder durchbricht, äußert sorgfältig und bewusst gearbeitet wird. Man kann beobachten, wie ein Bild aus einer Bildidee entwickelt und kompositorisch und farblich aufgebaut wird. Bei Katrin Freudenberger wird ein Bild nicht in genialischer Attitüde hingeworfen und dann schlankweg als gelungen befunden. Da gibt es Studien, Detailentwürfe, da werden Einzelheiten erkundet, und es werden Bilder im kleinen Format genauestens ausgeführt. Der Blick in die Skizzenbücher ist also ein Blick in eine sorgfältig und solide arbeitende Werkstatt. Und dabei ist diese Phase der Bildentstehung die eigentlich kreative Phase, die von unserer Malerin als „spannend“ und „genussvoll“ erlebt wird.
Man täte diesen Blättern also Unrecht, wenn man sie als „Skizzen“ abschätzig abtun würde. Viele sind so durchgearbeitet und so überzeugend, dass es nur folgerichtig ist, wenn viele dieser Blätter gerahmt und ausgestellt werden.
Großformatige Bilder werden aus solchen „Skizzen“ entwickelt, aus dem kleinen Format ins große übertragen. Katrin Freudenberger sagt selbst, dass dieses ein eher technischer Arbeitsgang sei. Dem, obwohl es mir kaum glaublich erscheint, kann ich nicht wiedersprechen, aber umso mehr muss ich die technische Perfektion und Erfahrung bewundern, mit der die Farbe aufgetragen und ein ganz bestimmter Farbton aus dem Skizzenbuch erzeugt wird. Denn die vorgesehene Farbwirkung wird nicht durch Aufpinseln einer vorbereiteten Farbmischung erreicht, vielmehr werden mehrere Schichten stark verdünnter Farbe aufgetragen, bis der beabsichtigte Ton erreicht wird, - also ein hoch artifizielles Verfahren: Das erinnert mich an das lasierende Malen, das in der Renaissance entwickelt und zur Blüte gebracht wurde und heute wieder von einigen Malern angewandt wird. Man schaue beispielweise ihre Rot-Töne an: glutvoll, von großer Strahlkraft und zugleich von einer gewissen Durchsichtigkeit.
Die Farbe Rot ist ein ganz eigenes Thema, wenn man über Katrin Freudenberger schreibt. Ich kann das hier nur andeuten: In einer frühen Phase ihres Malens hatte sie, wie ich erfuhr, nur einen schweren Zugang zu dieser Farbe, bis sie sie dann gleichsam entdeckt und mit viel malerischer Entdeckerlust erkundet hat. Sie spricht selbst davon, dass sie das Rot „vollständig ausgekostet“ habe. Dieses „Auskosten“ kann man in diesem Katalog, aber besser an den Originalen nachvollziehen und staunen, wie viele Spielarten von Rot es gibt. Diese Farbe kann aggressiv wirken, explosiv – auch das gibt es hier. Aber welche Wärme kann unsere Malerin dem Rot geben, so dass ich schon dachte, dass man mit einem solchen Bild an der Wand, im Winter die Heizung ein paar Grad drosseln kann. Die Mittel der Sprache reichen auch nicht annähernd aus, diese reichen Nuancen zu beschreiben. Auf einem Skizzenblock fand ich – vielleicht als Versuch, einen besonderen Farbton sprachlich zu fassen - das Wort „Nachtfarbenrot“. Welche Gegensätze sind hier verbunden! Was muss das für eine Farbe sein!
Aber es ist typisch für Katrin Freudenberger, dass sie bei einer „roten Phase“ nicht stehen bleibt, sondern weiter auf Entdeckung geht: grün, blau, auch grau sind jetzt stärker einbezogen, aber auch wieder in sehr eigenwilligen ungewohnten Verbindungen. Auch technisch gibt es zahlreiche Varianten: Acrylfarben, stärker oder wenig verdünnt, vermischt, werden gemalt oder gerieben, mit Kreide kombiniert; Schriftfetzen finden sich, Collagen mit Zeitungsausschnitten u.ä. mehr.
Anregungen für solche Farbfeuerwerke, die aber nie bunt, laut oder gar knallig geraten, gewinnt die Malerin auf Reisen, vor allem draußen in der Natur: Landschaften pur oder Landschaft mit Architektur, Meer, Felsen, Früchte, Blumen, auch Menschen; früher malte sie gern alte Personen, übrigens perfekt portraithaft, jetzt oft nur umrissen, mehr als Zeichen, oft geheimnisumwittert erscheinend.
Das Wort „Anregung“ habe ich bewusst benutzt. Denn Katrin Freudenberger gibt nicht naturalistisch wieder, sondern teilt ihre Sicht, was ihr wichtig erscheint, mit: Weiche toskanische Hügel und Täler, pointiert akzentuiert durch zeichenhafte Zypressen in charakteristischer Grundform, oder auch steile Berge mit schroffen Einschnitten, die in tiefem Schatten liegen. In der Landschaft stehen oft in formalem und farblichen Kontrast dazu Gebäude, die bisweilen an die Türme von San Gimigiano erinnern. Fasziniert ist sie vom Meer, zumal vor steiler Küste. Auch das bannt sie sehr eigenwillig aufs Bild: Kantige Felsstufen und –blöcke türmen sich auf über der tief unten liegenden glatten, intensiv farbigen Fläche des Meeres. Auch das ist kein Abklatsch der Natur, aber es können trotz der anti-naturalistischen Farbgebung und der abstrahierenden Darstellung keine Zweifel aufkommen: Das sind starrende Felsen, das ist von Sonne gleißendes oder abendlich dunkelndes Meer.
Und obwohl die Farben sich weit von der des Sujets entfernen, sind sie zwar ungewohnt und überraschend, aber nie befremdlich, sondern völlig überzeugend als ihre Sicht auf die Dinge. Es sind ihre Erinnerungen an die Toskana und an Gomera und viele andere Orte. Und ich denke mir – als Hypothese wage ich das hier zu sagen - ,dass diese „un-natürlichen“ Farben für sie die vor Ort gefühlten Farben sind: eine warme, herzerwärmende, manchmal auch hitzeglühende Landschaft mit Kühle spendenden Steinhäusern darin. Ihre Farben sind von Erinnerung gesättigt, sie haben Gefühlswert, und bilden weniger die äußere Realität ab als das Erleben dieser Realität, die innere Beziehung, ja die Liebe zu dieser erlebten Welt und die Erinnerung daran. – Meine eigenen Erinnerungen an die Toskana werden von diesen Bildern belebt und bereichert.
Konsequent abstrakte Gemälde finden sich vielfach. Sie beweisen in ihrer Strahlkraft und Expressivität die Energie und Vitalität, die farbliche und kompositorische Kraft und Erfindungsgabe von Katrin Freudenberger. Sie faszinieren wie alle ihre Bilder durch intensive und zugleich nuancenreicher Farbigkeit, durch eigenwillige, manchmal gewagte, auf jeden Fall ungewohnte Farbabstufungen und Farbspiele. Dr. Eberhard Kulf, 2008